Ein wahrhaft seltener privatdruck

Cover-Artwork: Jörg Kleudgen
Cover-Artwork: Jörg Kleudgen

Tobias Bachmann

Ein wahrhaft seltener Privatdruck

Phantastischer Roman

 

Erschienen im April 2014

als wahrhaft seltener Privatdruck (und daher ohne ISBN und somit nicht im freien Buchhandel erhältlich)

bei der Goblin Press, Büdingen

Ausstattung: Paperback in Manufaktur mit Schutzumschlag und Lesebändchen, mit ca. 130 Seiten.

 

Für 12,00 EUR zzgl. Versand ist das Buch ausschließlich über die Goblin Press zu beziehen: https://goblinpresshp.wordpress.com/

Klappentext:

Es heißt, jedes Buch berge ein Geheimnis, und als Autor führe man ein geheimes Leben darin.
Peter Langhans erhält den Auftrag, eine Monographie über den als Verschollen geltenden Bestsellerautor Stephan Angler zu schreiben. Während seiner Recherchen stößt Langhans auf das Gerücht eines unveröffentlichten Buches, von dem es nur eine Handvoll Exemplare in den Druck schafften. Langhans versucht eine der seltenen Ausgaben des geheimnisumwitterten Privatdrucks zu finden. Doch sein Weg durch Stephan Anglers Vergangenheit ist gesäumt von Leichen und brennenden Bibliotheken. Bald stößt er auf ein Geheimnis, mit dem er nicht gerechnet hat.


Aus der Goblin-Press Rundmail:

Bachmann und Kleudgen auf der BuchmesseConvention 2015 in Dreieich
Bachmann und Kleudgen auf der BuchmesseConvention 2015 in Dreieich

Tobias Bachmann: Ein wahrhaft seltener Privatdruck

„Das Cover zeigte ein Buch in grauschwarzen Schattierungen in schlechter Schwarzweiß-Kopie. Abgebildet war einmal mehr die doppelschwänzige Nixe, jedoch diesmal deutlich größer und sich nicht mehr vor einem Wappen befindend, sondern in einer Meereslandschaft schwimmend. Man hatte die Unterseite ihrer beiden Fischschwänze so abgeschnitten, dass es den Eindruck erweckte, als schwimme sie tatsächlich im Meer oder tauche soeben aus diesem auf. Darüber prangten in großen Lettern der Autorenname und etwas kleiner darunter der Titel und die Bezeichnung »autobiographischer Roman« in kursiver Schrift.

Der Klappentext ließ mich ratlos zurück:

Wer glaubt, hier den neuen Superwurf von Stephan Angler angepriesen zu finden, der irrt. Denn alles ist nur ein Spiel, das die doppelschwänzige Nixe mit uns treibt. Der Zufall ist aufgehoben. Wir alle sind nur Romanfiguren aus Anglers Büchern. Und Angler ist tot. Oder auch nicht. Zumindest steht es in diesem Buch.“

Vor etwa einem Jahr besuchte mich Tobias Bachmann in Büdingen. Beinah zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Buches STEINE in der GOBLIN-PRESS präsentierte er mir die Idee einer Geschichte um ein Buch, das ein erfolgreicher Autor als seltenen Privatdruck in Auftrag gibt, kurz bevor er auf mysteriöse Weise verschwindet. EIN WAHRHAFT SELTENER PRIVATDRUCK sollte eine Hommage an die Veröffentlichungen der Kleinverlage einerseits, an Filme wie NEUN PFORTEN andererseits werden.

Das Ergebnis ist eine eigenständige, spannende Erzählung um die Jagd nach einem Buch, das seinem Besitzer kein Glück bringt. Es ist eine Geschichte um Bücher, für die Sammler alles tun würden, und um Autoren, die in ihren Texten ihre Seele verkaufen. Es ist eine außergewöhnliche, liebevoll ausgestaltete Erzählung, die den Leser nicht mehr loslässt.

Gleichzeitig ist diese Ausgabe selbst ebenfalls ein „seltener Privatdruck“ wie alle GOBLIN-PRESS-Ausgaben, in Manufaktur gefertigt und mit einem seidenen Lesebändchen versehen. Daher kann sich bei großer Nachfrage die Auslieferung etwas verzögern. Der Preis beläuft sich auf € 12,00 plus € 2,40 Porto.

Herzliche Grüße - Jörg Kleudgen

Leseprobe:

Prolog: Der Priester
»Ich brauche Ihre Hilfe, Herr Pfarrer.« Ich hatte nicht gedacht, dass ich diesen Satz jemals aussprechen würde. „Ich schreibe eine Biographie über Stephan Angler.«
„Meine Hilfe?« Schiller lachte auf. »Aber ich bin doch kein Literat wie Sie.«
»Als Literat würde ich mich auch nicht bezeichnen. Aber meine Recherchen führen seltsamerweise direkt zu Ihnen, beziehungsweise in die Vergangenheit Ihrer Kirche.«
Der Priester seufzte. »Sie möchten die Mumien sehen?«
Ich nickte. »Ich vermute, ich komme nicht daran vorbei.«
»Kommen Sie erstmal rein und erzählen Sie mir, worum es genau geht. Zufälligerweise habe ich ein wenig Zeit.« Er führte mich in sein Büro, wo ein heilloses Durcheinander herrschte. Überall lagen Papiere und Formulare herum; aufgeschlagene Aktenordner neben alten Folianten, und über allem Schreibtischchaos thronten Utensilien, wie Locher, Tesafilm-Abroller, Stifte und Taschenrechner.
»Sie müssen den Zustand meines Büros entschuldigen«, sagte Schiller, »Ich bin gerade damit beschäftigt, die Kostenhochrechnung für die Renovierung der Kirchenorgel zu kalkulieren. Da geht es um etliche Tausend Euro, und so wie es aussieht, verfügt die Gemeinde nicht einmal über die Hälfte des benötigten Geldes. Aber setzen Sie sich doch.«
Ich nahm auf einem der beiden Besucherstühle platz.
Der Pfarrer räumte einige Dokumente beiseite, um sie am Rande seines Schreibtisches aufeinanderzustapeln, dann fischte er ein leeres Blatt aus einer Schreibtischschublade, legte es vor sich und schrieb das heutige Datum und meinen Namen auf. »Also, dann erzählen Sie doch mal, Herr Langhans!«
»Ich arbeite an einer Monographie über den Schriftsteller Stephan Angler. Er lebte ja einige Zeit in Ihrer Gemeinde ...«
»Das ist richtig. Nicht, dass er unsere Kirche oft besucht hätte, ... aber das tun Künstler in den seltensten Fällen.« Er blickte mich dabei eindringlich an, als wolle er mir denselben Vorwurf machen. »Natürlich verstehe ich das. Man hat ausreichend Arbeit und selbst der Sonntag lässt einen in Ihrem, oder auch in Anglers Fall nicht ruhen, sondern unentwegt an Sätzen und Formulierungen feilen.«
Ich nickte demonstrativ. »Als Freiberufler muss man immer am Ball bleiben. Feiertage kann man sich im Grunde genommen nicht leisten.«
»Meinen Sie, dass das bei Angler auch der Fall war? Ich meine, er war sehr erfolgreich.«
»In der Tat, das war er«, bestätigte ich. »Aber ich glaube, dass er gerade in seinen letzten Lebensjahren mit anderen Sorgen und Problemen beschäftigt war, als seinen neuen Bestseller zu fabrizieren.« In kurzen Worten berichtete ich, was ich über Angler herausgefunden hatte, und wie ich auf die doppelschwänzige Nixe aufmerksam geworden war.
Der Pfarrer lehnte sich zurück. »Die Nixe werden Sie allerorten in unserer Region finden.«
»Ich weiß bereits, dass das Rittergeschlecht, das Ihre Kirche erbauen ließ, sie in ihrem Wappen trug ... «
»So ist es. Sie finden das Wappen in der Kirche genauso gut wie als Symbol der ortsansässigen freiwilligen Feuerwehr. Ich hoffe, Sie haben sich dort auch schon umgesehen?“ Schiller schien nicht sehr begeistert von dem Gedanken, mich in die Gruft zu führen. „Aber jetzt verstehe ich wenigstens, warum Sie die Mumien sehen wollen. Dort werden Sie das Wappen ebenfalls finden.«
»Das habe ich mir gedacht.«
»Für die Öffentlichkeit ist der Zugang zur Gruft leider gesperrt. Der Sauerstoff, der beim Betreten unweigerlich eindringt, tut den Mumien nicht gut. Er zersetzt sie, habe ich mir sagen lassen. Und eine Luftschleuse können wir uns nicht leisten. Rein theoretisch wäre es erforderlich, die Mumien einem besonderen Konservierungsprozess zu unterziehen. Allerdings ist das noch teurer, als die nötige Luftschleuse - und ohne diese wiederum nicht sonderlich sinnvoll.«
»Ich verstehe. Andererseits: Könnte man denn nicht durch Eintrittsgelder versuchen, diese Maßnahmen zu finanzieren und somit die fortschreitende Zersetzung der Mumien zu unterbinden?«
»Möglicherweise haben Sie recht.« Pfarrer Schiller faltete die Hände über seinem Bauch zusammen. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt ein öffentliches Interesse an den Mumien gibt. Sie sind seit langem der Erste, der die Gruft besichtigen möchte.«
»Dann regelt sich die Sache mit dem Zerfall demnach von selbst?«
»Rein theoretisch ja.« Er grinste. »Wenn ich nicht immer wieder nachgeben würde und Bittstellern wie Ihnen die Besichtigung gestatten würde.«
»Danke!« Ich fühlte eine Mischung aus Erleichterung, Begeisterung und Vorfreude.
»Keine Ursache. Wollen wir gleich?«
Als wir das Pfarrhaus verließen, prangte der Sandsteinbau der Kirche vor uns, wie ein gewaltiger Monolith. Über lose verlegte Betonsteinplatten bahnten wir uns einen Weg über ein seit langem nicht gemähtes Rasenstück.
»Die Gruft liegt direkt unter dem Altarraum. Aufgrund des hohen Karbongehalts in der Luft dort unten sind die Leichname mumifiziert.« Mit einem beachtlich großen Schlüssel öffnete Pfarrer Schiller einen Seitenzugang zur Kirche, durch den man direkt in die Sakristei gelangte. Der nach praktischen Gesichtspunkten ausgestattete Raum barg die liturgischen Geräte, welche für die Messe benötigt wurden, und diente zugleich als Abstelllager für Putzmittel. Im Steinboden gab es eine Bronzeplatte mit einem faustgroßen, verrosteten Ring. Es quietschte, als Pfarrer Schiller die Platte nach oben zog.
»Zuletzt war ich dort unten, als ich ... warten Sie!« Er lachte kopfschüttelnd. »Ja, ist das denn die Möglichkeit. Dass mir das nicht schon früher eingefallen ist! Es war in der Tat das letzte Mal im Jahre 2004, als ich jemandem die Gruft gezeigt habe - und jetzt raten Sie, wem!«
»Stephan Angler?«
»Ganz genau! Herr im Himmel! Daran habe ich vorhin wirklich nicht gedacht.«
Er hatte nun die schwere Bronzeplatte komplett aufgestemmt und verriegelte sie mithilfe einer Wandhalterung, um zu verhindern, dass sie zufiel, wenn wir dort unten waren. »Und da fällt mir gleich noch ein weiteres Detail ein. Da werden Sie staunen. Ich habe von Stephan Angler seinerzeit eine Postkarte erhalten, in der er sich für die Besichtigung der Gruft bedankt. Erinnern Sie mich bitte später daran, dass ich diese für Sie heraussuche. Vielleicht hilft sie Ihnen ja weiter. Doch nun kommen Sie, Langhans. Schauen wir uns mal den unterirdischen „Reliquienschrein“ meiner Kirche an!«
Der Pfarrer ging voran, die überraschend breite Steintreppe hinab. Er war keine korpulente, aber durchaus eine stämmige Erscheinung. Sein breites Rückgrat wankte vor mir im Schein der elektrischen Lampen, die er zuvor eingeschaltet hatte. Das spärliche Licht erzeugte mehr Schatten als Helligkeit. Die Luft der Grabstätte erinnerte mich an eine modrige Mischung aus Heu und verendetem Tier, durchsetzt mit feuchtem Waldboden und dem Geruch aus dem Siphon eines Waschbeckens.
»Ein Wohlgeruch ist das ja nicht gerade«, bemerkte ich.
»So ist es. Deswegen wäre ja auch die Luftschleuse dringend erforderlich. Aber was kümmert das schon die Oberen«, warf Schiller über die Schulter zurück.
Wir erreichten den Boden der Gruft, und ich bereute es sogleich, keinen Fotoapparat mitgenommen zu haben. Der Ort war eine faszinierende letzte Ruhestätte. Dreizehn Glassärge waren hier aufgebahrt. Zwischen jedem Sarg war ein etwa sechzig Zentimeter breiter Zwischenraum, durch den man sich hindurchzwängen konnte. Die Särge ließen sich einzeln beleuchten.
»Früher haben wir hier regelmäßig Besichtigungen stattfinden lassen. Daher die Särge aus Glas und das Beleuchtungssystem.«
Ehrfürchtig trat ich an die mumifizierten Leichname heran, die mir allesamt den Kopf zuwandten. Sie waren männlichen Geschlechts. Teilweise trugen sie noch ihre ritterliche Gewandung, an der jedoch sichtlich der Zahn der Zeit genagt hatte. Schilde, Schwerter und allerlei andere ritterliche Insignien waren ebenso vorhanden.
Dann fiel mir eine weibliche Mumie auf. Entgegen ihrer glatzköpfigen Verwandtschaft trug noch ihr krauses, dünnes Haar am Kopfe. Es mutete fein wie Spinnweben an und würde vermutlich zu Staub zerfallen, sobald man den Glassarg öffnete. Lagen alle anderen Leichname in einer Art friedlichen Ruhe da, so war bei dieser der Mund auf entsetzliche Weise verzerrt. Ihre Arme waren angewinkelt und zu Klauen geformt, was für mich nur einen Schluss zuließ: Man hatte sie lebendig begraben.
»Ich weiß, was Sie gerade denken«, sagte der Pfarrer, der neben mich getreten war. »Auch ich empfinde den Anblick dieser Dame mehr als verstörend. Sie muss noch gelebt haben, als man sie beisetzte.«
»Ein schrecklicher Tod«, sagte ich.
Anstatt etwas zu sagen, bekreuzigte sich Schiller und murmelte ein stummes Gebet.
Was mich am meisten ekelte, waren die Fingernägel der konservierten Leichen. Nicht nur, dass diese noch lange nach dem Tode gewachsen zu sein schienen und mich auf abstoßende Weise an den Struwwelpeter denken ließen, sondern die Tatsache, dass sie dort, wo sie an den Fingern hafteten, die wahre Hautfarbe preisgaben. Die Haut unter den Fingernägeln war nicht von einem undefinierbaren Braun, sondern nahezu rosarot.
»Schauderhaft«, befand ich.
»Nun verstehen Sie vielleicht, warum ich nicht gerne hier herunterkomme«, nickte Schiller. »Vielleicht können wir den Aufenthalt ja abkürzen. Was suchen Sie denn eigentlich hier unten?«
»Ich weiß es nicht genau«, sagte ich. »Was hat sich Stephan Angler länger angesehen?«
Pfarrer Schiller zuckte mit den Schultern. »In gewisser Weise reagierte er genau wie Sie. Auch er war fasziniert von der namenlosen Dame, die übrigens ein Mysterium darstellt. Niemand weiß, wer sie ist. Die übrigen Leichname sind identifiziert. Ihre Lebensdaten kann ich Ihnen auswendig herunterbeten. Aber bei der weiblichen Mumie scheiden sich die Geister der Wissenschaftler.«
Ich schritt durch die Reihe der aufgebockten Glassärge. Mehrfach sah ich die doppelschwänzige Nixe ... auf schimmernden Brustharnischen, Schilden und sogar auf einem Medaillon der toten Frau.
»Glauben Sie, dass Angler mit seiner Theorie recht hatte?«, fragte ich. »Dass er ein Abkömmling dieses Rittergeschlechts sei, der - wie heißen sie noch gleich?«
»Rieter«, half mir Schiller. »Ich weiß nicht, wie er darauf gekommen ist. Der Sage nach entstammen die Rieter einem zypriotischen Adelsgeschlecht. Soweit ich informiert bin, starb dieses Mitte des achtzehnten Jahrhunderts aus. Es gibt keinerlei Quellen, die einen Beweis für einen Fortbestand belegen. Wenn Angler recht haben sollte, so müsste er eine Lücke von über dreihundert Jahren erklären. Dies hat er nicht getan und kann es wohl auch nicht mehr tun.«
»Es sei denn, die Beweise befinden sich in seinem offiziell nie erschienenen letzten Buch ...«, mutmaßte ich.
Der Priester schüttelte den Kopf. »Aber ich bitte Sie! Welche Beweise soll er denn Ihrer Meinung nach gefunden haben? Das Rietergeschlecht endet hier, genau da, wo Sie stehen. Rechts von Ihnen liegt der Letzte ihrer Ahnenreihe. Er starb kinderlos im Jahre des Herrn, 1753.«
»Und die Möglichkeit, dass er ein uneheliches Kind gehabt haben könnte, wurde nie untersucht?«
»Uneheliche Kinder wurden seinerzeit totgeschwiegen und verleumdet. Selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, so werden Sie in keinem historischen Dokument einen Beleg dafür finden.«
»Auf gut Deutsch: Angler erlag einer absurden Wahnvorstellung.«
Schiller nickte. »Sie sind der Fachmann für seine Biographie. Ich kenne mich da wenig aus. Aber er war ja doch eine eher besondere Persönlichkeit, will ich meinen. Seine Werke sind zwar vielschichtig, aber doch psychotisch. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es sich bei Angler um einen teilweise verwirrten Geist handelte. Warum auch nicht? Sein Vater war Trinker und starb in einer Irrenanstalt, wenn ich recht informiert bin.«
Einmal mehr wurde ich um eine Hoffnung betrogen. Wieder endete ein Faden im Nichts. Es brachte alles nichts. Ich musste Anglers Buch in die Hände bekommen.
»Lassen Sie uns nach oben gehen«, sagte ich. »Ich denke, ich habe genug gesehen.«
Schiller betätigte die Lichtschalter und ließ die Krypta in Dunkelheit zurück. Als er die Gruft hinter uns verschloss, sagte er: »Das war hoffentlich mein letzter Besuch für die nächsten fünf Jahre.«
»Weshalb gehen Sie dort nicht gerne hinunter?«
»Zum einen empfinde ich die Mumien zwar als sehr eindrucksvoll aber furchteinflößend, und zum anderen tue ich mir schwer damit, ständig und immer wieder ihre letzte Ruhe stören zu müssen. Außerdem macht sich ein zu häufiger Besuch aber irgendwann auch gesundheitlich bemerkbar. Der Karbongehalt der Luft ist zwar kaum wahrnehmbar, sollte aber nicht unterschätzt werden.« Er bekreuzigte sich, und ich konnte mir ausmalen, wie er in diesem Moment ein stummes Gebet gen Himmel sandte.
Wir verließen die Sakristei auf demselben Weg, den wir gekommen waren, und gingen zurück ins Pfarrbüro.
Unverzüglich machte sich Schiller daran, in verschiedenen Schubladen zu kramen, während ich mir die eingerahmten Reproduktionen von Kupferstichen ansah, die ausgewählte Bibelszenen darstellten.
»Ich hab sie!«, riss mich Pfarrer Schiller aus meinen Betrachtungen und hielt mir eine Postkarte entgegen. »Hier, schauen Sie! Wie ich es Ihnen gesagt habe. Beruhigend, dass mein alterndes Gehirn noch halbwegs funktioniert.«
»Werter Pfarrer Schiller«, stand darauf in einer stark zur Seite geneigten, hektischen Handschrift. »Sie haben mir sehr geholfen. Der Besuch in Ihrer Krypta war Gold wert. Endlich habe ich gefunden, wonach ich suchte! Herzlichst St. Angler«
»Aha«, sagte ich. »Vielleicht hat er die fehlenden dreihundert Jahre doch noch beweisen können?«, mutmaßte ich.
Der Pfarrer zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Seit dieser Karte habe ich nie wieder etwas von Angler gehört ... geschweige denn gelesen.«
Ich drehte die Postkarte um. Die Rückseite zeigte die Herzogin Anna Amalia-Bibliothek. Die Karte war aus Weimar abgeschickt worden.
»Na bitte«, sagte ich. »Da haben wir es doch! Dort wird er letztendlich seinen Beweis gefunden haben. Nun weiß ich, was ich zu tun habe. Herzlichen Dank, Pfarrer Schiller! Ich werde Sie n meinem Buch über Stephan Angler zu erwähnen.«
Mit klopfendem Herzen verließ ich den Priester und sein radioaktives Hypogäum.

© 2014 bei Tobias Bachmann

Rezensionen

"Mit Ein wahrhaft seltener Privatdruck unterhält Tobias Bachmann seine Leser auf hohem Niveau, gibt Einblicke in einen Gedankenkomplex, in den der Mensch nur selten und ungern eintaucht, und liefert nebenbei eine rasante Story ab."

Rezension auf GEISTERSPIEGEL.de von Eric Hantsch